Aufstieg durch Bildung - Chancengerechtigkeit für alle
27.10.2008
Sechs Bildungsoptionen für Kinder und
Jugendliche aus
benachteiligten Familien
Von Karl-Albert Eßer, stellvertretender CDA-Landesvorsitzender
und Vorsitzender der CDU-Fraktion im Rat der Stadt Düren
Bildung ist der Weg zum gesellschaftlichen Aufstieg. Sie vermittelt Orientierung und bestimmt Lebenswege. In unserem Bildungssystem muss jeder Mensch ungeachtet seiner Herkunft nach seiner Begabung gefördert und gefordert werden. Dies ist gemeinsame Aufgabe der Familien und der Gesellschaft.
Die meisten Familien werden ihrem Erziehungsauftrag gerecht und können eigenverantwortlich ihren Kindern die gewünschten Bildungschancen eröffnen. Es ist aber auch festzustellen, dass eine zunehmende Zahl von Familien – vorwiegend, aber nicht ausschließlich aus armutsgefährdeten Schichten oder mit Zuwanderungsgeschichte - nicht mehr in der Lage ist, ihren Erziehungs- und Bildungsauftrag zu erfüllen.
Angesichts der immer differenzierteren Familienkonstellationen muss es Aufgabe von Politik und Gesellschaft sein, mehr Chancengerechtigkeit in der Bildung anzustreben und damit auch den benachteiligten Kindern und Jugendlichen die Teilhabe am gesellschaftlichen Fortschritt zu ermöglichen. Gerade sie müssen unsere Gesellschaft als offen, gerecht und chancenreich erleben. Sie müssen hautnah erfahren können, dass Bildung, Leistung und Fleiß weiterhin Garanten des gesellschaftlichen Aufstiegs sind.
Unsere Gesellschaft verspielt angesichts der demographischen Entwicklung ihre Zukunftsfähigkeit, wenn sie sich nicht in besonderer Weise dieser Personengruppe annimmt. Sie verliert nicht nur Wohlstand. Sie verliert ihren Anspruch einer offenen und solidarischen Gesellschaft. Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien braucht unsere Gesellschaft ebenso als Leistungsträger wie Kinder aus bürgerlichen Schichten.
Bildung für alle ist die nachhaltigste Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Die CDA muss Anwältin gerade für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien sein. Sie muss deren Bildungschancen nachhaltig einfordern, damit diese tatsächliche Aufstiegsoptionen haben. Nur dann können die Kinder und Jugendlichen einer fast schon vorbestimmten „Sozialkarriere“ entgehen.
These 1: Die frühkindliche Bildung ist für die Entwicklung eines Kindes von entscheidender Bedeutung. Sowohl im Elternhaus als auch in den Kindertagesstätten werden die Weichen für die zukünftige persönliche Entwicklung und damit für die schulische und berufliche Laufbahn gestellt. Der regelmäßige Besuch einer Kindertagesstätte ab dem dritten Lebensjahr sollte verpflichtend sein. Für unter Dreijährige muss es ein bedarfsgerechtes Angebot geben. Gezielte Sprachförderung für Kinder aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte oder sozial schwächeren Familien ist unabdingbar. Nur wenn es gelingt, diesen Kindern in den ersten Jahren die notwendige Sprachkompetenz zu vermitteln, haben sie die Chance, ihre Schullaufbahn erfolgreich zu absolvieren. Gesunde Ernährung mit mindestens zwei Mahlzeiten muss in den Kindertagesstätten obligatorisch sein.
These 2: Schulen müssen ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag angesichts zunehmender Orientierungs- und Perspektivlosigkeit vieler Eltern umfassend wahrnehmen. Sie müssen sicherlich zuerst Wissen und Fertigkeiten vermitteln. Dazu gehört auch die Entdeckung und Förderung der musikalischen, künstlerischen und sportlichen Talente der Kinder. Ebenso wichtig wie Wissen und Fertigkeiten ist aber die Vermittlung von Werten und Tugenden. Gerade für Kinder aus Familien ohne eigenes Einkommen ist es in besonderer Weise wichtig, dass sie zu eigenverantwortlichem Handeln angeleitet werden. Bildung muss immer auch Bildung des Herzens sein. Schulen können ihrem ganzheitlichen Auftrag aber nur gerecht werden, wenn die notwendigen personellen und räumlichen Voraussetzungen gegeben sind. Je besser die Schüler-Lehrer-Relation, desto nachhaltiger kann Kindern aus benachteiligten Familien geholfen werden. Schulen müssen Sozialarbeiter und Psychologen in verstärktem Maße in ihre Arbeit einbeziehen können.
These 3: Verbindlichen Ganztagsschulen, insbesondere im Primarbereich, gehört die Zukunft - aufgrund der beruflichen Situation von Alleinerziehenden oder beider Elternteile, aber auch aufgrund der schwachen Erziehungskompetenz vieler Eltern. Ganztagsschulen sind weder Heilsbringer noch Teufelswerk, sondern schlicht die bildungspolitische Antwort auf gesellschaftliche Veränderungen. Ein weiterer Ausbau der Ganztagsangebote an den Primar- und weiterführenden Schulen ist alternativlos. Ganztagsbetreuung und -förderung muss auf jeden Fall für die Kinder verpflichtend sein, deren schlechte schulische Leistungen einen qualifizierten Abschluss an einer weiterführenden Schule gefährden. In Ganztagsschulen ist – ebenso wie in den Kindertagesstätten - die Verpflegung der Schülerinnen und Schüler zumindest morgens und mittags sicherzustellen.
These 4: Es ist zentrales bildungspolitisches Ziel, dass jeder Schüler einen qualifizierten Schulabschluss – mindestens einen Hauptschulabschluss – erwirbt. Dieser ist und bleibt die Voraussetzung für einen qualifizierten Ausbildungsplatz mit der Perspektive eines späteren, unbefristeten Arbeitsverhältnisses. In besonderer Weise muss darauf geachtet werden, dass ein solcher Schulabschluss auch für diejenigen Schüler zu erreichen ist, die vornehmlich praktische Talente haben. Wer als junger Erwachsener keine schulische oder berufliche Qualifikation erworben hat, muss mit staatlicher Unterstützung die Chance erhalten, entsprechende Abschlüsse nachzuholen.
These 5: Viele Familien aus benachteiligten Schichten brauchen zeitweise, oftmals sogar dauerhaft die Unterstützung der Gesellschaft, um ihrem Erziehungsauftrag gerecht zu werden. Die professionellen Dienste in Form von Familienzentren, Familienberatungsstellen oder der aufsuchenden Sozialarbeit müssen weiter gestärkt werden. Alle Maßnahmen müssen zum Ziel haben, die Eigenverantwortung der Eltern zu stärken. Wir brauchen zugleich dichte Netzwerke von ehrenamtlich tätigen Familienpaten, die sich kontinuierlich und konkret um einzelne Familien kümmern. Gerade junge Familien mit unsicheren beruflichen Perspektiven und erkennbarer Überforderung müssen sich frühzeitig gesellschaftlich getragen fühlen. Das Angebot einer frühzeitigen Begleitung nach der Geburt des ersten Kindes muss für diese Familien obligatorisch sein.
These 6: Zur Entwicklung eines Kindes trägt dessen Wohnsituation erheblich bei. Kinder aus benachteiligten Schichten leben mit ihren Eltern in der Regel auch in benachteiligten Quartieren, die sich oftmals zu sozialen Brennpunkten entwickelt haben. In solchen Quartieren lernen sie selten Menschen kennen, die stabile Lebensbedingungen erreicht haben. Ihnen fehlen in ihrem Umfeld in vielen Fällen positive Leitbilder. Wenn es schon unrealistisch ist, solche Quartiere durch eine gezielte kommunale Wohnungsbaupolitik aufzulösen, so muss es in diesen Wohngegenden zumindest ein professionelles Quartiermanagement geben. Dazu gehört auch die Gründung und Unterstützung von Bewohnerorganisationen. Zugleich müssen die staatlichen und kommunalen Angebote wie Kindergärten und Schulen sowie die Freizeitmöglichkeiten gerade in solchen Wohnquartieren besonderen Qualitätsansprüchen genügen.